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Einen herzlichen Willkommensgruß an die Besucher meiner Website! Der folgende Artikel gibt Ihnen eine interessante Einführung in das Thema Phantomzeit! Auch der Aufsatz "Eadgyth und Otto der Große" auf dieser Seite ist lesenswert. Danke für den Besuch. 

Der englische Chronist Æthelweard

Neues über die Phantomzeit

Aethelweard erfindet einzig und allein zur Füllung einer Phantomzeit von 297 Jahren über viele Generationen hinweg eine Dynastie von Königen und ihrem Umfeld für Wessex (Westsachsen in England) vom Tod König Cynegisls in 642 bis zum Regierungsantritt von König Edmund in 939.                               

Abstract: Der Chronist Æthelweard schreibt in dem hermeneutischen Latein, das für Aldhelm und die anderen Schriftsteller des 10./11. Jhs. typisch ist. William von Malmesbury findet diesen unbeholfenen lateinischen Schreibstil Æthelweards abscheulich, betont aber, dass dessen Chroniken auch „die 223 Jahre füllen, die der Historiker Eadmer (von Canterbury) nach Beda ausgelassen hat, weil er dachte, sie seien der Erwähnung nicht wert“ und dass deshalb dank Æthelweards Chroniken „während dieses Intervalls die Geschichte nicht daher hinkt ohne Unterstützung durch die Literatur“. Bis zum Ende des 9. Jhs. stimmt Æthelweards lateinische Chronik mit der anonym überlieferten muttersprachlichen Angelsächsischen Chronik im Wesentlichen überein. Mit neuen Argumenten und Fakten soll dargelegt werden, dass auch die Angelsächsische Chronik (The Anglo Saxon Chronicle) von Æthelweard erstellt wird, der beide Chroniken zur Füllung der Phantomzeit verfasst.   

Die Chronisten William von Malmesbury und Beda

Der anglo-normannische Kleriker William von Malmesbury gilt als der bedeutendste Historiker seiner Zeit. Er wird um 1080/95 in Wiltshire in Wessex geboren, erhält seine Ausbildung im Kloster zu Malmesbury und widmet sich als Mönch bis zu seinem Tod um 1143 der Geschichtsschreibung.

In den 20-er Jahren des 12. Jhs. schreibt er die Gesta Regum Anglorum über die Taten der englischen Könige, zu deren Erstellung ihn nach seinen eigenen Angaben zum einen die Liebe zu seinem Land bewegt und zum anderen seine bedeutenden und einflussreichen Freunde ermutigen, darunter die Mitbrüder seiner Kirche und vor allem Königin Mathilde von England, die Gemahlin von Henry I., dem Enkel des Eroberers William von der Normandie.

Die Tochter von Henry I. und Königin Mathilde heißt ebenfalls Mathilde. Sie lebt von 1102-1167 und ist die Witwe des 1125 gestorbenen deutschen Königs Heinrich V. Als einziges legitimes Kind von König Henry I. von England spricht ihr die englische Reichsverfassung 1127 ausnahmsweise die weibliche Nachfolge auf den englischen Königsthron zu. Um diese Zeit beendet William von Malmesbury seine Gesta Regum Anglorum und widmet sie mit einem überlieferten Anschreiben einem unehelichen Sohn König Henrys I. von England, dem Grafen Robert von Gloucester (um 1100 - 1147), von dem er sich Förderung für Malmesbury erhofft.

Die Geschichte des Klosters, in dem William lebt und nach dem er benannt wird, stellt einen überzeugenden Beweis für die Existenz der Phantomzeit dar. In Bedas Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum ist der englische Schriftsteller Aldhelm ab 674 als Abt von Malmesbury bezeugt. Nach der Überlieferung wird das Kloster in Malmesbury aber erst rund drei Jahrhunderte später in den sechziger Jahren des 10. Jhs. von Erzbischof Dunstan von Canterbury (um 909-988) gegründet.

Der aus einer hochadligen Familie stammende Dunstan führt vor seiner Ernennung zum Erzbischof von Canterbury ein bewegtes Leben am westsächsischen Königshof, im Asyl im Ausland und als Abt des Klosters zu Glastonbury. In der 1004 in Frankreich erschienenen Biografie wird Dunstan von dem unter dem Pseudonym „B“ schreibenden Biografen als ein Schüler irischer Mönche in Glastonbury und als der erste Abt der englischen Nation bezeichnet.

Die biografischen Mitteilungen ergeben nur Sinn, wenn Dunstan ein „Phantomzeitspringer“ ist und der Einschub der drei Jahrhunderte in die Zeitrechnung während seines Lebens erfolgt, denn er kann nur für das 7. Jh. als ein Schüler irischer Mönche dargestellt werden, da die letzten irischen Klosterinsassen mit ihren Priestern und Äbten kurz nach 700 England verlassen und nach Irland zurückkehren, wie Beda in seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum schreibt. Dunstan kann auch nicht erst für das 10. Jh. als der erste Abt der englischen Nation bezeichnet werden, da bei Beda die ersten angelsächsischen Äbte schon für das 7. Jh. bezeugt sind. Außerdem ist es ganz und gar unmöglich, dass Aldhelm schon 674 der erste Abt von Malmesbury sein kann, wie Beda schreibt, da das Kloster zu Malmesbury erst im 10. Jh. von Dunstan gegründet wird. Diese eklatanten Widersprüche, die in der englischen Geschichtsschreibung verbreitet sind, erzwingen eine Phantomzeit vom 7. bis zum 10. Jh.  

William von Malmesburys Vorbild für die Abfassung seiner Chronik ist Bedas „Kirchengeschichte des englischen Volkes“, die Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum, die William in großen Teilen seiner eigenen Historiographie zugrunde legt. Er tituliert Beda als einen Mann von höchster Gelehrsamkeit und geringster Überheblichkeit (vir maxime doctus und minime superbus) und betont, dass man nach Beda nicht leicht einen Chronisten finden kann, der sich so kompetent der englischen Geschichtsschreibung in lateinischer Sprache widmet und fügt hinzu, dass sich seine Ausschau nach solchen Leuten bisher als Zeitverschwendung erwiesen hat.

Nach Bedas eigener Aussage wird er zur Erstellung seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum von Albinus, dem Abt von St. Peter und Paul in Canterbury (ca. 709-732), angeregt, der ihm auch alle Informationen über das römische Christentum und die fortlaufende Datierung nach der Fleischwerdung des Herrn zukommen lässt, wozu natürlich auch das Schweigegebot über die eingeschobenen drei Jahrhunderte gehört. Durch diese Zensur von Canterbury ist Beda gezwungen, nichts zu schreiben, was auf die Phantomzeit hinweist oder woraus man sie ableiten kann, zum Beispiel nichts über Personen oder Ereignisse, die in anderen Quellen schon in das 10./11. Jh. datiert sind. Der Historiker Beda muss so tun, als gäbe es keine neue Zeitrechnung, Dafür gibt es viele Hinweise in seiner Chronik, auf die an anderer Stelle schon aufmerksam gemacht wird (ZS 3/2006, S. 690). Beda gehört nicht ins 7./8. Jh. alter Inkarnationszeit, sondern - nach dem Einschub der Phantomzeit - ins 10./11. Jh. und lebt damit etwa ein Jahrhundert vor dem Historiker Eadmer von Canterbury.

Der Historiker Eadmer (1055/64-1124)

William von Malmesbury lobt den sachlich-eleganten Stil und die sorgfältige Arbeit des mit ihm fast zeitgenössischen Eadmer, eines um oder nach 1055 geborenen lateinischen Historikers, der von Kindheit an im Benediktinerkloster Christs College in Canterbury erzogen wird, von 1093 bis 1109 ein enger Freund und Berater des Erzbischofs Anselm von Canterbury ist und am 13. 1. 1124 stirbt, knapp zwei Jahrzehnte vor William von Malmesburys Tod.

Das bedeutendste Werk Eadmers ist die Historia Novorum in Anglia, „Neue Geschichte in England“. Nach William von Malmesburys Worten erweitert Eadmer darin

nach einem schnellen Überblick über die Periode von König Edgar bis zu Wilhelm I. seinen Umfang und vermittelt den Studenten eine vollständige und unschätzbare Schilderung seit dem Tod des Erzbischofs Anselm, mit dem er eng befreundet war (Gesta Regum Anglorum, Buch 1, Prolog, S. 14).

In einem Aufschrei des Entsetzens (gespielt oder echt?) teilt William  von Malmesbury dann mit:

Aber Eadmer lässt nach Beda insgesamt 223 Jahre aus, von denen er dachte, sie seien der Erwähnung nicht wert und während dieses Intervalls hinkt die Geschichte daher ohne Unterstützung durch die Literatur.     

Der nach Williams Urteil „sorgsam arbeitende Eadmer mit dem sachlich-eleganten lateinischen Stil“ denkt sicher nicht, dass die 223 Jahre nach Beda, die er auslässt, der Erwähnung nicht wert seien, wie William behauptet, sondern er kann nichts über die von ihm in der Geschichte ausgelassene Zeit schreiben, weil es sie nicht gegeben hat.

Da Beda im Auftrag von und im Einvernehmen mit Canterbury seine „Kirchengeschichte des englischen Volkes“ schreibt, ist es absolut folgerichtig, dass Eadmer als Kleriker von Canterbury die Datierung und Dokumentierung Bedas respektiert, obwohl sie teilweise in die Phantomzeit hinein reicht. Den Rest der Phantomzeit lässt Eadmer aus. Seine Historia Novorum in Anglia nennt er ausdrücklich „Neue Geschichte in England“ (Nomen est Omen!).

Aus William von Malmesburys genauer Berechnung von 223 Jahren, die Eadmer nach Beda auslässt, geht hervor, dass er eine im 8. Jh. alter Inkarnationszeit erstellte Kopie der Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum benutzt, die Nachträge bis zum Jahr 734 enthält, wie die zwei ältesten erhaltenen Handschriften, das Moore und das Leningrad Manuskript. Unter Hinzuzählung der 223 Jahre ergibt sich das Jahr des Amtsantritts von König Edgar am 9. Mai 957, mit dem Eadmer seine „Neue Geschichte in England“ beginnt.

Außer William von Malmesbury kennt kein englischer Chronist des Mittelalters Eadmers Historia Novorum in Anglia. Es existieren nur noch zwei Manuskripte von Eadmers Chronik und es gibt keinen Hinweis darauf, dass es weitere gegeben hat, die verloren gegangen sind, es sei denn eine Kopie, die William von Malmesbury zugänglich war. Das als MS 452 im Corpus Christi College in Cambridge aufbewahrte Manuskript, offenbar das Original und größtenteils aus Eadmers Hand, wird erst 1884 von Martin Rule in der Rolls Series gedruckt. Das zweite Manuskript, eine gekürzte Fassung, die etwa hundert Jahre nach Eadmer angefertigt wird, befindet sich als Cottonian MS Titus Aix heute im Britischen Museum in London.

Die beiden nachnormannischen Chronisten William von Malmesbury und Eadmer von Canterbury leben und schreiben um die Wende zum 12. Jh. Keiner von ihnen verliert ein Wort über den Zeitsprung. Die beiden kennen die Continuatio Bedae mit der Fortführung der Annalen bis 766, aus der hervorgeht, dass bei der normannischen Eroberung in England 300 Jahre Phantomzeit (statt 297) eingefügt werden, offensichtlich nicht. Die zuviel eingeschobenen drei Jahre machen sich bei späteren Berechnungen ständig bemerkbar.

Auf diese Diskrepanz von drei Jahren in der Geschichtsschreibung weist auch William von Malmesbury in der Gesta Regum Anglorum im 12. Jh. ausdrücklich hin. In seiner Auflistung der englischen Könige von Kent (Kapitel 9, S. 29) sagt er über den Nachfolger der kentischen Könige Ohta und Eormenric nach dem Jahr 560:

Danach folgte auf dem Thron Æthelberht, der Sohn des  Eormenric, der gemäß dem Chronicle dreiundfünfzig Jahre regierte - Beda sagt sechsundfünfzig. Mit dieser Unstimmigkeit muss der Leser selbst zurechtkommen. Ich bin zufrieden, dass ich darauf aufmerksam machen kann und dabei belasse ich es.

Während Beda in seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum und der unbekannte Chronist in der angefügten Continuatio Bedae bis 766 nach der alten Inkarnationszeit datieren, wird in Wessex ab dem 7. Jh. peu à peu das 10. Jh. der Nachphantomzeit eingeführt, allerdings  erfolgt die Geschichtsschreibung erst aus der Retroperspektive, wie beispielsweise auch die früheste Mitteilung über Dunstan, den ersten Abt der englischen Nation, die erstmals in einer Biografie im Jahr 1004 in Frankreich vorliegt, sechzehn Jahre nach Dunstans Tod.

Wie schnell und problemlos die drei in die Geschichtsschreibung eingeschobenen Jahrhunderte mit Personen und Ereignissen gefüllt werden können, verrät der westsächsische Æthelweard in seinen Chroniken, die er nach seiner Vorgabe zu dem Zweck schreibt, seiner  entfernten Cousine Mathilde ihre Abstammung von englischen Königen zu bestätigen. Ausgehend von der Besiedlung Britanniens im 5. und 6. Jh. durch die Angelsachsen, deren Vorfahren er über germanische Stammesfürsten und Personen des alten Testaments bis auf Adam zurückführt, erfindet er eine Geschichtsschreibung für Wessex, die er in die 297 Jahre Phantomzeit ab der Mitte des 7. Jhs. einpasst und um die Mitte des 10. Jhs. mit König Edgar beendet.

Der Laienchronist Æthelweard

Nach seinem Schreck über die bei Eadmer fehlenden 223 Jahre nach Beda, muss William von Malmesbury einräumen, dass es einige Aufzeichnungen in zeitlicher Abfolge in der englischen Muttersprache gibt, dank denen „die Periode seit Beda der senilen Vergessenheit entkommen konnte“.

Obwohl William diese Aufzeichnungen notgedrungen für seine Gesta Regum Anglorum ausgiebig nutzen muss, macht er keinen Hehl aus seiner Geringschätzung gegenüber der Angelsächsischen Chronik, die auch Geffrei Gaimar im 12. Jh. abwertend „ein englisches Buch über Abenteuer und Lieder“ nennt (ZS 1/2008, S. 169). William führt aus:

So hat der distinguierte Æthelweard eine Ausgabe dieser Chroniken versucht, aber je weniger man über ihn sagt, umso besser. Ich könnte seine Absicht noch gutheißen, wenn ich nicht seine Sprache abscheulich fände (Seite 14).

Einerseits ist der Historiker William von Malmesbury erleichtert, dass Æthelweard die 223 Jahre der Phantomzeit nach Beda, über die keine Nachrichten vorliegen, mit Berichten ausfüllt und bezeichnet ihn sogar als „distinguiert“, andererseits kritisiert er ihn mit den Worten „je weniger man über ihn sagt, um so besser“. Warum macht William eine so widersprüchliche Aussage über Æthelweard?

Dies ist kein Einzelfall, in dem William indifferent reagiert, wenn es sich um Aussagen handelt, die auf eine Phantomzeit hinweisen. Auch in seiner Chronik Antiquitate Glastoniensis Ecclesiae fährt er nach der kategorischen Ableugnung der durchaus glaubwürdigen biografischen Mitteilung, dass Dunstan der erste Abt der englischen Nation ist, was ja die Einbeziehung einer Phantomzeit in die Geschichtsschreibung impliziert, unvermittelt und ziemlich konzeptionslos in seinem Bericht fort (Kap. 55) und gibt wortreich seiner Freude darüber Ausdruck, dass er „dem stürmischen Strudel der Vergangenheit und den Schatten der Ignoranz entronnen ist und sich mit größerer Leichtigkeit glänzenden Zeiten zuwenden und über Dinge auslassen kann, die dem Kloster Glastonbury in der Zeit dieses heiligen Mannes Dunstan gewährt werden“ (ZS 2/2008, S. 442).

Der von William beanstandete unbeholfene Sprachstil Æthelweards ist darauf zurückzuführen, dass es in England zwischen Nachphantomzeit und normannischer Eroberung kaum noch Priester, Klosterschulen oder Skriptorien gibt, die Latein vermitteln können, wie Bischof Stubbs im 19. Jh. in Memorials of St. Dunstan mitteilt (ZS 2008/1, S. 167). Im 11. Jh. suchen der englische Klerus und der Adel Rat und Hilfe auf dem Kontinent, besonders in Frankreich, aber erst nach der normannischen Eroberung hält ein einwandfreies Latein wieder Einzug bei den Chronisten in England.

Wer ist dieser „distinguierte Æthelweard“?

Die anglo-normannische Chronik Gesta Regum Anglorum des William von Malmesbury aus dem 12. Jh. ist die erste und einzige Quelle, die über den Chronisten Æthelweard berichtet. William bezeichnet ihn als Ealdorman von Dorset, sagt aber nichts über seine Lebensdaten, Abstammung, Kindheit, Jugend oder seinen Werdegang.

Die Historiker des Mittelalters halten sich strikt an William von Malmesburys oben zitierte Warnung: „Je weniger man über ihn sagt, umso besser“. Vier Jahrhunderte lang werden Æthelweard und seine lateinische Chronik von keinem Schreiber mehr erwähnt.

Erst im 16. Jh. wird Æthelweards Chronik in einer Bibliothek in England von dem Geistlichen und Bibliothekar König Heinrichs VIII. John Leyland (1506-1552) entdeckt. In welchem Versteck sie die lange Zeit überdauert hat, ist nicht überliefert. Es ist auch nicht bekannt, ob es sich dabei um das Original oder eine, eventuell sogar manipulierte oder ergänzte, Kopie handelt. In 1596 wird das von Leyland aufgefundene Exemplar der Chronik von Henry Savile (1549-1622) gedruckt, was sich als gut erweist, denn das einzige Manuskript wird, wie auch die Vita Alfredi und das Gedicht über die Schlacht von Maldon, von denen ebenfalls jeweils nur eine Handschrift existierte, bei dem Brand in der Cotton’schen Handschriftensammlung am 23. 10. 1731 zerstört. In 1848 wird der gedruckte Text von Henry Petrie mit kurzen Anmerkungen in die Monumenta Historica Britannica aufgenommen. Allerdings entdecken Bibliothekare des Britischen Museums in London im 19. Jh. noch achtzehn stark angekohlte Bruchstücke des Manuskripts, die auf Papier gesichert und 1951 im Bulletin of the Institute of Historical Research veröffentlicht werden.

Die muttersprachliche Angelsächsische Chronik taucht nach der normannischen Eroberung aus dem Dunkel der Geschichte auf und wird trotz ihrer anonymen Überlieferung bis heute als glaubwürdig erachtet, obwohl sie schon im 12. Jh. in der L’Estorie des Engles abwertend als „ein englisches Buch über Abenteuer und Lieder“, bezeichnet wird (ZS, 1/2008, S. 169).

Um mehr Informationen über Æthelweard zu erhalten, sind wir auf seine eigenen Angaben in der Chronik angewiesen, die aber mehr verschleiern als enthüllen. Gleich zu Beginn stellt er sich als Patricius Consul Fabius Quaestor Ethelwerdus vor. Mit dem Titel will er offenbar seine adlige Abkunft und seine Nichtzugehörigkeit zum Klerus dokumentieren. Er wiederholt den weltlichen Titel, der sonst nirgends belegt ist, noch einmal etwas verkürzt am Ende der Chronik. Wegen dieser Titulierung wird zuweilen eine Identität zwischen dem Chronisten und einem westsächsischen Ealdorman gleichen Namens angenommen, über den aber auch nur wenig bekannt ist.

Dieser westsächsische Adlige tritt von 973 bis 998 in Urkunden in das Licht der Öffentlichkeit und soll 991 respektive 994 nach der Schlacht von Maldon, zusammen mit Ealdorman Ælfric und Erzbischof Sigeric von Canterbury, den Friedensvertrag mit den siegreichen Dänen unterzeichnet haben. Die Urkunden signiert er nicht mit dem in der Chronik genannten Titel, sondern als Ealdorman oder Dux der westlichen Grafschaften. Um das Jahr 1000 verliert sich seine Spur. Ob es sich bei dem Ealdorman und dem Chronisten um den gleichen Æthelweard handelt, ist fraglich und keinesfalls erwiesen.  

Dagegen spricht einiges dafür, dass der Autor der lateinischen Chronik auch die Angelsächsische Chronik verfasst, beispielsweise der Umstand, dass Æthelweard kein Kleriker ist und somit die Muttersprache beherrscht, ferner seine Präferenz für angelsächsische Namen, die wie sein eigener mit dem Wortbestandteil Æthel- beginnen, nicht zuletzt die inhaltliche Übereinstimmung der beiden Chroniken bis zum Ende des 9. Jhs. Auch William von Malmesbury ist überzeugt, dass Æthelweard der Autor der Angelsächsischen Chronik ist, denn er spricht von Aufzeichnungen in der Muttersprache und benennt Æthelweards Chroniken im Plural, allerdings ohne in seiner bekannten Kürze näher darauf einzugehen (S. 14).

Der Prolog zum ersten Buch der Chronik

Æthelweards lateinische Chronik enthält vier Bücher, denen er jeweils einen Prolog voranstellt. Den Prolog zum ersten Buch eröffnet er mit den Worten: „Patricius Consul Fabius Quaestor Ethelwerdus wünscht seiner Cousine Mathilde, der talentiertesten und treuesten Dienerin des Herrn, immer währendes Heil in Christus“. Er bedankt sich für den Erhalt des sehnlichst erwarteten Briefes von Mathilde, dessen Inhalt er nicht nur gelesen, sondern in seine Seele eingeschlossen und zur Aufbewahrung in die Schatzkammer seines Herzens gelegt hat. Gleichzeitig beteuert er seine häufigen Gebete zum höchsten Gott für Mathildes Sicherheit in diesem Leben und für die Führung ihrer Seele in den ewigen Gefilden, nachdem sie ihren Körper verlassen hat.

Daraus ist zu ersehen, dass der Chronist von Mathilde, die er als seine Cousine bezeichnet, einen Brief erhalten haben will, über deren Inhalt er aber kein Wort verliert, was verdächtig ist. Wann der Briefwechsel erfolgt und wie der Kontakt zustande kommt, wird nicht erzählt. So kann es sich bei der Eröffnung der Chronik auch um eine Farce handeln und Æthelweard benutzt Mathilde, die schon nicht mehr unter den Lebenden weilt, um seine Identität nicht preiszugeben und den Grund für die Erstellung seiner Chronik zu verschleiern.

Die stark übertriebene Lobpreisung der überaus geschätzten Cousine, der Äbtissin Mathilde von Essen (949-1011), nicht zu verwechseln mit der von William von Malmesbury erwähnten Königin Mathilde von England (1102-1167), wird von dem Chronisten jeweils im Prolog zu den drei weiteren Büchern und im letzten Buch auch noch einmal innerhalb des Textes in abgewandelter Form wiederholt.

Mathilde wird  949 als Tochter Liudolfs geboren. Sie ist eine Enkelin Kaiser Ottos I. (936-73) und seiner ersten Gemahlin Eadgyth. Nach einer klösterlichen Erziehung, wird sie um 974 erstmals als Äbtissin des Klosters in Essen erwähnt und stirbt dort am 5. 11. 1011.

Mathildes Großmutter Eadgyth (Edith) wird nach der rückschauenden Überlieferung bei Roswitha von Gandersheim als 17-jährige englische Prinzessin um 929/30 von dem deutschen Kaiser Heinrich I. seinem Sohn Otto in Quedlinburg vermählt, stirbt schon 946, drei Jahre vor der Geburt ihrer Enkelin Mathilde, und findet im Dom zu Magdeburg ihre letzte Ruhe.

Im weiteren Verlauf des Prologs zum ersten Buch der Chronik spricht Æthelweard über die Auswanderung der Angelsachsen vom Kontinent nach Britannien und die Rückkehr einiger Prinzessinnen auf das Festland zum Zwecke der Heirat mit Angehörigen des europäischen Adels. Daraus ist zu ersehen, dass Æthelweard noch in der Tradition der Angeln und Sachsen lebt, die ab 449 mit der Invasion Britanniens beginnen und die Britannier in erbitterten Kämpfen aus ihren angestammten Wohnplätzen vertreiben. Der Chronist führt weiter aus:

Kürzlich haben wir darüber informiert, was über unsere gemeinsame Familie sowie die Auswanderung der Nation von Deutschland nach England bekannt ist. Jetzt ist es  wünschenswert, mit Gottes Hilfe, die Annalisten seit der Erschaffung der Welt zu bemühen, um eine klarere Darstellung zu vermitteln, so dass die Aufmerksamkeit beim Leser und Hörer geweckt und erhöht wird.

Auf den folgenden Seiten kann man leicht Bespiele finden über viele Kriege und Schlachten und die nicht geringe Zahl von Schiffsuntergängen in den Wellen des Ozeans besonders anlässlich der Ankunft unserer Vorfahren in Britannien aus Deutschland und ich will in einfachem Stil über unsere Familie in moderner Zeit berichten und die Verwandtschaft bestätigen, soweit die Erinnerung zurückreicht und unsere Eltern uns unterrichtet haben.

Æthelweard will also Mathilde kürzlich darüber informiert haben, was „über ihre Familie und die Auswanderung der Nation aus  Deutschland nach England“ bekannt und von den Eltern überliefert ist. Er plant nun, in einfachem Stil über die Familie in moderner Zeit zu berichten „soweit die Erinnerung zurückreicht und die Eltern ihn unterrichtet haben“. Der geschilderte Sachverhalt ist ein zwingender Beleg für eine Verkürzung der Zeit, denn ohne eine Phantomzeit lägen zwischen der Invasion Britanniens durch die Angelsachsen im 5. Jh. und dem fingierten Schriftverkehr mit Mathilde frühestens im 10. Jh. 500 Jahre! Wer kann oder will sich da noch zurückerinnern?   

Der Chronist will auch von der Überfahrt mit den Schiffsuntergängen in den Wellen des Ozeans und den erforderlichen Kriegen erzählen und hält es sogar für wünschenswert, „mit Gottes Hilfe die Annalisten seit Erschaffung der Welt zu bemühen, um eine klarere Darstellung zu vermitteln“. Nach der Bekanntgabe seiner Pläne für die Erstellung der Chronik geht er - immer noch im Prolog des ersten Buches - sofort in medias res und kommt zu seinem Hauptanliegen:

Ælfred war der Sohn von Æthelwulf, von dem wir (gemeint sind er und Mathilde) abstammen, ich von König Æthelred und du von Ælfred, beide waren Söhne von König Æthelwulf, der schon erwähnt wurde.

Um Mathilde nicht isoliert im Raum stehen zu lassen und die gerade erfundenen Vorfahren in die Geschichte zu integrieren, fährt er fort:

Ælfred schickte seine Tochter Ælfthryth nach Deutschland, um Baldwin zu heiraten, der mit ihr zwei Söhne Æthelwulf und Earnwulf, und auch zwei Töchter, Ealhswith und Eormenthryth, hatte. Es ist eine Tatsache, dass Graf Earnwulf, der dein Nachbar ist, von Ælfthryth abstammt.

Aus diesen vagen Angaben, für die Æthelweard die einzige Quelle ist, konstruieren die Historiker der Neuzeit als Ehemann von Ælfthryth einen Grafen Baldwin II. von Flandern (865-10. 9. 918), den sie nach Baldwin I. in die Phantomzeit einzwängen und mit Judith, der angeblichen Tochter Karls des Kahlen und Witwe zweier englischer Phantomzeitkönige, verheiraten. Warum Graf Earnwulf der Nachbar Mathildes sein soll, wird von Æthelweard nicht näher erklärt. Mittlerweile wird von den Historikern erkannt, dass die Heirat einer Tochter Ælfreds namens Ælfthryth mit einem Baldwin keinen geschichtlichen Hintergrund hat und reine Fiktion ist. Man hält zwar immer noch an einem Phantomzeitgrafen Baldwin II. von Flandern als Sohn von Baldwin I. und Vater von Arnulf I. fest, weiß aber, dass dieser nicht mit einer Königstochter aus England verheiratet war. Von den Töchtern des Paares fehlt ohnehin jede Bestätigung und jede Spur.

Nach dem Ausflug zur virtuellen Tochter Ælfthryth wechselt der Chronist zu den angeblichen Enkelinnen Ælfreds über, die auf das Festland geheiratet haben sollen. Er schreibt:

Eadgyfu war der Name der Tochter König Eduards, des Sohnes von Ælfred, der bereits erwähnt wurde, und sie war deine Großtante und wurde nach Gallien geschickt, um den jüngeren Karl zu heiraten, Eadhild wurde die Frau von Hugo, dem Sohn von Robert.

König Æthelstan schickte zwei weitere seiner Schwestern zu Otto mit dem Plan, er sollte diejenige, die ihm zusagte, als seine Frau auswählen. Er wählte Eadgyth, von der du an erster Stelle abstammst. Die andere Schwester heiratete einen bestimmten König in der Nähe der Alpen. Bezüglich seiner Familie haben wir wegen der Entfernung und dem nicht unerheblichen Zeitabstand keine Information. Aber es ist deine Aufgabe, eine Nachricht an unsere Ohren zu bringen, denn du hast nicht nur die Familienverbindung, sondern auch die Fähigkeit, da dich die Entfernung nicht daran hindert.

Offensichtlich hat Æthelweard keine Ahnung von den Verhältnissen auf dem Festland, sonst käme er nicht zu der Einschätzung, dass die Entfernung zwischen Essen und den Alpen Mathilde nicht daran hindern könnte, einmal kurz bei ihrer angeblichen Großtante vorbei zu schauen, um die Familie zu erkunden. Æthelweards Fehleinschätzung der Entfernung zeigt sich auch bei dem fiktiven Grafen Earnwulf von Flandern, den er als Nachbar von Mathilde bezeichnet.

In vermeintlich kluger Voraussicht baut Æthelweard bereits an dieser Stelle die angelsächsische Prinzessin Eadgyth, die Gemahlin Ottos des Großen, in die virtuelle Enkelschar des fiktiven Königs Ælfred ein, was sich aber als der entscheidende Fehler erweisen soll, der ihn als Fälscher entlarven wird.

Wann schreibt Æthelweard seine Chroniken

Weder William von Malmesbury noch der Chronist selbst nennen die  Jahreszahl, das Jahrzehnt oder das Jahrhundert, in dem Æthelweards lateinische Chronik entsteht. Der erstmaligen Erwähnung in William von Malmesburys Historia Regum Anglorum ist zu entnehmen, dass die Chronik spätestens im 12. Jh. vorliegt.

William von Malmesbury teilt gleichzeitig mit, dass Eadmer von Canterbury in seiner Historia Novorum in Anglia 223 Jahre nach Beda auslässt, also Æthelweards lateinische Chronik nicht kennt, was nahe legt, dass die Chronik erst in den zwei Jahrzehnten, die Eadmer vor William stirbt, entsteht oder veröffentlicht wird. Es ist auch möglich,  dass Eadmer die Chronik nicht estimiert, weil er sie als Fälschung erkannt hat oder es ist kein Exemplar von Wessex nach Kent gelangt, zumal ohnehin nur die eine Kopie bekannt ist, die bei dem Brand in 1731 stark beschädigt wird.   

Als das einzige Exemplar im 16. Jh. aufgefunden wird, stellt sich auch den Historikern die Frage nach der Zeit der Abfassung der Chronik. Das Ende der Berichterstattung in der Chronik mit dem Jahr 975 sagt nichts über ihre  Entstehung aus, sondern resultiert aus dem Umstand, dass Edgar der erste englische König ist, der keine Wurzeln mehr in der Phantomzeit hat. In dem 1557-9 in Basel herausgegebenen Katalog Scriptorum Illustrium Maioris Brytannia Catalogus, S. 167/8, setzt der Herausgeber Bale die Chronik in die Zeit Williams II. (1056-1100), was der Zeit ihrer Erstellung sehr nahe kommt.  

Mit der Konstruktion der zeitfernen Verwandtschaft und dem sonst nirgends bestätigten ominösen Briefwechsel mit Mathilde sowie der mehrfachen, übertriebenen Huldigung an die Äbtissin von Essen will Æthelweard seine Identität, die Zeit und den wahren Grund für die Anfertigung der Chronik verheimlichen.

Bei dem Versuch, eine gemeinsame Herkunft für sich und Mathilde von dem Phantomzeitkönig Æthelwulf zu erfinden und von dessen fünf Söhnen - wie im Prolog angekündigt - zwei für ihre beiden Ururgroßväter auszuwählen und damit der Cousine vierten Grades und sich selbst eine königliche Genealogie zu verschaffen, unterläuft dem genialen Æthelweard der gravierende Irrtum, der die Phantomzeit beweisen wird.

Otto I. und seine erste Gemahlin Eadgyth

Die erste und einzige zeitnahe Quelle, die über die Hochzeit Ottos I. mit der englischen Prinzessin Editha (Eadgyth) berichtet, ist die Abhandlung Gesta Oddonis über die Taten Ottos des Großen von Roswitha von Gandersheim. Die Lebensdaten Roswithas sind nicht bekannt. Es wird vermutet, dass sie in der zweiten Hälfte des 10. Jhs. schreibt.

Aus der Rückschau schildert sie die Brautwerbung durch Ottos Vater, König Heinrich I., die feierliche Hochzeitszeremonie in Quedlinburg und das Gott wohlgefällige Leben der angelsächsischen Prinzessin, die in Deutschland schon während ihrer Lebenszeit wie eine Heilige verehrt werden soll. Roswitha betont nachdrücklich, dass sie über keine schriftlichen Quellen für ihre Aufzeichnungen verfügt, sondern auf die im Volk lebende mündliche Tradition angewiesen ist, die besagt, dass Eadgyth aus der Familie des angelsächsischen Königs Oswald stammt. Einzelheiten über den Verwandtschaftsgrad zwischen Eadgyth und Oswald erwähnt sie nicht. Vermutlich weiß sie nicht einmal, dass König Oswald rund 350 vorher in der ersten Hälfte des 7. Jh. lebt, in 642 in der Schlacht bei Maserfield gegen den heidnischen König Penda von Mercien fällt und aus diesem Grund als Märtyrer des frühen englischen Christentums heilig gesprochen wird.

Nicht nur bei Roswitha von Gandersheim ist die Verwandtschaft zwischen Mathildes Großmutter Eadgyth und dem englischen König Oswald belegt, sondern sie wird oft wiederholt und zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch die historische Darstellung. In der  Vorbereitung der Landesausstellung des Kulturhistorischen Museums in Magdeburg über Ottonische Neuanfänge „Otto der Große, Magdeburg und Europa“ vom 27. Aug. bis 2. Dez. 2001 schreiben Bernd Schneidmüller und Stefan Weinfurter:

Die erste Ehe Ottos I. mit der angelsächsischen Königstochter Edgith, deren Familie vom heiligen Oswald abstammte, hing mit den angelsächsischen Heiratsbündnissen auf dem Kontinent zusammen.

Die von den Autoren erwähnten Heiratsbündnisse sind unmittelbar nach der Invasion Britanniens durch die Angelsachsen gang und gäbe. Das wohl bekannteste wird in der zweiten Hälfte des 6. Jhs. zwischen König Æthelberht, der von 560 bis 616 in Kent regiert, mit der aus dem Königsgeschlecht der Franken stammenden Prinzessin Bertha geschlossen. Bertha ist bereits Christin und Æthelberht erhält die Prinzessin von ihren Eltern nur unter der Bedingung, dass sie ihren Glauben und ihre Religion mit Bischof Liudhard, den sie ihr als Glaubensbeistand mitgeben, ungehindert ausüben kann (Beda I/25, S. 80). Durch seine Gattin Bertha gelangt die erste Nachricht von der christlichen Religion zu dem heidnischen König von Kent, was den  römischen Missionaren ihre Arbeit ungemein erleichtert und dazu führt, dass Æthelberht bereits zu Weihnachten 597 als erster angelsächsischer König mit seinem kentischen Volk den christlichen Glauben annimmt und sich anschließend für die weitere Verbreitung des Christentums in Essex im Osten Englands einsetzt.

Das Lexikon des Mittelalters schreibt in Band III, S. 1572: 

Die Brautwerbung für seinen Sohn Otto beim angelsächsischen König Æthelstan betrieb König Heinrich I. in schwerer Zeit. Dabei ist hervorzuheben, dass mit Edgith, die von zwei zur Auswahl übersandten Prinzessinnen als zukünftige Gemahlin Ottos ausgewählt worden ist, eine Verbindung mit dem heiligen König Oswald eingegangen wurde, dessen Kult im 10. Jh. in Sachsen Verbreitung fand.

Wie alle Mitteilungen über Eadgyth geht auch dieser Lexikoneintrag auf die Gesta Oddonis zurück, da Roswitha von Gandersheim die erste und einzige Quelle ist, die über die Brautwerbung in England und die Hochzeit Ottos mit seiner ersten Gemahlin Edgith schreibt.

Allerdings ist die Erklärung der Verfasser, dass der Kult über Oswald im 10. Jh. auf dem Festland wieder auflebt, irrig und nur ein Erklärungsversuch, den Zeitunterschied vom 7. bis 10. Jh. zu überbrücken und die Geschichtsschreibung nach dem Einschub der Phantomzeit zu aktualisieren.

Tatsächlich ist auf dem Kontinent zur Zeit Ottos I. noch die Erinnerung an Oswalds Vorfahren lebendig, die im vorhergehenden  Jahrhundert zur Invasion Britanniens aufbrachen und seither immer noch mit der alten Heimat durch Nachwanderung oder gegenseitige Besuche und Heiraten miteinander in Verbindung stehen. Natürlich sind die Verwandten auf dem Festland stolz auf die Verwandtschaft ihrer Königin Eadgyth mit dem Oberkönig von England und König von Nordhumbrien, auf die Verehrung, die er dort genießt sowie auf die Karriere, die Oswald in der neuen Heimat England gemacht hat.

Die Roswitha von Gandersheim zugängliche Volkstradition, dass Eadgyth aus der Familie König Oswalds von Bernicia stammt, ist dem Chronisten Æthelweard nicht bekannt. So passt er Eadgyth fälschlicherweise in die Familie des von ihm erfundenen Königs Alfred ein, was offensichtlich bisher noch niemand aufgefallen ist.

König Oswald von Nordhumbrien

Der heilige Oswald stammt aus der Dynastie der Könige von Bernicia. Sein Großvater Ida, ein Enkel des legendären Esa (um 500) und Sohn des legendären Eoppa (um 520) wird als erster König von Bernicia von 547-559 genannt. Idas fünf Söhne regieren Bernicia in folgender Reihenfolge: Glappa (559-560), Adda (560-568), Æthelric (568-572), Theodric (572-579) und Frithuwald 579-585). Nach Frithuwald folgt ein Enkel Idas namens Hussa (585-593) und danach der Enkel Idas namens Æthelfrith (593-616), der Sohn Æthelrics. Æthelfrith gelingt es um 604, Bernicia und Deira erstmals vorübergehend zu dem Königreich Nordhumbrien zu vereinigen, was sich für seinen Sohn Oswald nicht zum Guten entwickelt, denn als Æthelfrith um 616 in der Schlacht fällt, wird zunächst Edwin, ein Nachkomme aus der Dynastie der Könige von Deira, König von Nordhumbrien. Vor den  Nachstellungen Edwins muss Oswald, Sohn und designierter Nachfolger Æthelfriths, zunächst ins schottische Exil fliehen. Nach dem Übertritt zum irischen Christentum begibt sich Oswald nach Wessex, wo er durch Bischof Birinus mit der römisch-christlichen Glaubenslehre vertraut wird. Nach Edwins Schlachtentod in 633 wird Oswald König von Nordhumbrien und Oberkönig von England.

Die Verbindung zwischen König Oswald von Nordhumbrien und König Cynegisl von Wessex zur Zeit der Christianisierung Englands wird von Beda dem Ehrwürdigen geschildert. Der Historiker schreibt, dass bei der Taufe Cynegisls, des ersten christlichen Königs von Wessex, der das Königreich von etwa 611 bis zu seinem Tod regiert, der heilige und siegreiche Oswald, König der Nordhumbrier, anwesend ist und den aus dem Taufbad Steigenden aufnimmt:    

In einer schönen und Gottes würdigen Gemeinschaft nahm er den zuvor in einer zweiten Geburt Gott Geweihten, dessen Tochter er zur Frau nehmen wollte, als Sohn an. Beide Könige gaben diesem Bischof die Stadt, die Dorchester genannt wird, um dort einen Bischofssitz einzurichten (Beda III/7, S. 224).

Beda erzählt weiter, dass Oswald, der zusammen mit dem Volk der Engländer, an dessen Spitze er steht, in der Lehre des Bischofs Birinus unterrichtet wird, und nicht nur lernt, auf die seinen Stammvätern unbekannten Reiche des Himmels zu hoffen, sondern dass er auch von dem einen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, mehr Reiche auf Erden erlangt, als irgendeiner seiner Vorfahren, und schließlich alle Völker und Länder Britanniens, die in vier Sprachen, nämlich in die der Briten, Picten, Iren und Engländer aufgeteilt sind, unter seine Oberhoheit bringt (Beda III/6, S. 222).

Nach dieser Schilderung ist Oswald Oberkönig von England und Cynegisl ein Unterkönig in Wessex. Weitere Einzelheiten erzählt Beda nicht. Er sagt auch nichts über das Alter der beiden Könige. Zum einen soll der nordhumbrische Oswald den Westsachsen Cynegisl nach dessen Taufe als Sohn annehmen, zum anderen will er dessen Tochter Cyneburh heiraten. Da über den Zeitpunkt von Oswalds Geburt nichts bekannt ist, dient unter anderem diese Mitteilung Bedas in der späteren Interpretation dazu, Cynegisl und Oswald als gleichaltrig oder letzteren sogar als jünger einzuschätzen, da er die Tochter des ersteren zur Frau nehmen will, wobei es sich aber auch um die zweite Ehe König Oswalds handeln kann. Nach Bedas Berichterstattung sterben die beiden christlichen Könige Oswald und Cynegisl um das Jahr 642.

Da Oswald die Schlacht gegen den heidnischen König Penda von Mercien bei Maserfield verliert und im Kampf fällt, muss sich sein Halbbruder und Nachfolger Oswiu zunächst mit der Regierung in Bernicia, einem Teil von Nordhumbrien, zufrieden geben. Er gewinnt aber bald Deira zurück, das sein Sohn Alhfrith als Unterkönig regiert.

Im Einvernehmen mit Canterbury hält Beda an der kontinuierlichen Geschichtsschreibung „nach der Fleischwerdung des Herrn“ fest. Er teilt mit, dass Oswiu mit Hilfe der Missionare und Bischöfe seine Macht in Nordhumbrien zurückgewinnen und ausbauen kann, dass er das Kloster Streaneshealh in 657 gründet und 664 an der Synode von Whitby teilnimmt. Nach dem Tod Oswius in 670 nennt Beda als Könige von Nordhumbrien Ecgfrith bis 685, Aldfrith bis 704, Eadwulf bis 705, Osred bis 716, Coenred bis 718, Osric bis 729 und danach Ceolwulf, dem er nach Fertigstellung seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum in 731 eine Kopie zukommen lässt. Eine weitere Kopie erhält sein Informant, der Abt Albinus in Kent.

In der Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum gibt es über Wessex ab der Mitte des 7. Jhs. nur kurz gefasste, sporadische Berichte, zum Beispiel über politische Machtkämpfe und Unterkönige, den Abt und lateinischen Schriftsteller Aldhelm, die Könige Caedwalla und Ine. Was Beda nicht erwähnt, zum Beispiel Glastonbury und Dunstan, wandert nach dem Einschub der Phantomzeit in Wessex um 297 Jahre nach vorn, und wird rückschauend ab dem 11. Jh. dokumentiert.

Die Jahre, die Beda und der unbekannte Chronist der Continuatio Bedae bis 766 in die Phantomzeit hinein fehl datieren, gehören in die Zeit vor 1066 und verursachen eine unterschiedliche Sichtweise und die doppelte Dokumentation der Geschichtsschreibung ungefähr für das letzte Jahrhundert vor der normannischen Eroberung, und zwar eine nahezu zeitgenössische bei Beda und eine rückschauende in den anglo-normannischen Chroniken des 11. und 12. Jhs.

Das erste Buch von Æthelweards Chronik

Nach seiner eigenen Aussage ist Æthelweard für seinen Bericht über die Erschaffung der Welt den Annalisten der Antike verpflichtet. In Anlehnung an die Etymologien des Isidor von Sevilla und die Chronik des britannischen Historikers Gildas aus dem 6. Jh. zählt er die Stationen der Weltalter bis zu Christi Geburt auf, die er mit insgesamt 5495 Jahren angibt, wobei er allerdings seine Vorbilder nicht genau kopiert und ihm in seiner Berechnung zudem ein Fehler unterläuft, denn die vorher einzeln aufgeführten Weltalter ergeben zusammen nur 5189 Jahre. Das Alter der Welt erwähnt er stets, wenn sich ein Jahrhundert rundet.

Es folgt ein Überblick über die Anfänge des römischen Christentums, die Bekehrung des britannischen Königs Lucius durch Papst Eleutherius, die römischen Statthalter in Britannien, den Fall von Rom, die Invasion Britanniens durch die Angelsachsen und die Kämpfe mit den Britanniern um die Verteilung des Landes bis zu dem  Gemetzel auf beiden Seiten in 592 an einem Platz der „Adams Grab“ genannt wird, bei dem Ceawlin fliehen muss und ein Jahr später stirbt. In Bedas Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum wird König Caelin von Wessex (560-591) als zweiter Bretwalda südlich des Humber genannt (II/5, S. 148). Bretwalda ist die Bezeichnung für einen Oberkönig, der außer der Herrschaft in seinem Reich auch die Oberhoheit über die anderen angelsächsischen Könige innehat. 

Gemäß Æthelweard sind nach 593 Æthelfrith, Cwichelm und Cridda erfolgreich. Æthelfrith regiert die Mercier, Cwichelm das Volk der Gewisse, Cridda die Westsachsen, wird aber sonst nicht genannt. 

Æthelweard gibt nur in wenigen Fällen Jahreszahlen an, sondern beginnt jede Mitteilung mit einer Wendung wie „nach dem Verlauf oder einer Periode von so und soviel Jahren“, „wenn der Lauf von so und soviel Jahren vollendet war“ und so weiter, so dass sich jeder ausrechnen kann, wann dieses oder jenes geschieht.

Die Christianisierung Englands

Im Prolog zum zweiten Buch teilt Æthelweard nach der Widmung an seine äußerst geschätzte Verwandte mit, dass er dem klugen Leser weiterhin eine profunde Auswahl aus der kirchlichen und weltlichen Geschichte des eigenen Volkes vorlegen will und sich eine lange Vorrede erübrigt, da das Thema bekannt ist.

Er erzählt, dass einige Zeit nach dem Amtsantritt Papst Gregors gut aussehende Männer mit unbekannter Sprache erscheinen und von dem heiligen Mann, der ihre Schönheit bewundert, gefragt werden, woher sie kommen und ob sie Christen oder noch Ungläubige sind. Die jungen Leute antworten bescheiden, dass sie Engländer sind und ihnen noch niemand etwas vom Christentum erzählt hat. Gregor führt sie in sein Speisezimmer, unterrichtet sie in der christlichen Lehre, tauft sie und bespricht mit ihnen die Reise in ihr Land. Da die römischen Christen nicht zulassen, dass der Papst selbst Rom verlässt, entsendet Gregor den sehr gelehrten Augustinus mit den von ihm unterrichteten und getauften jungen Engländern und einer nicht geringen Anzahl von Mönchen, mit göttlicher Ermahnung gestärkt, nach England. Als die Missionare dort ankommen, nehmen die Engländer den Glauben an und bauen Kirchen. Als erster englischer König erhält der in Kent herrschende Æthelberht das Wort Christi. Er ist der Sohn von Eormenric, Enkel von Ohta oder Esc, nach dem die kentischen Könige „Escingas“ genannt werden und führt seine Ahnen über Hengist bis auf Wodan zurück. Der Chronist schließt: „Damit sind die Jahre vollständig von 600 minus vier nach der Fleischwerdung des Herrn“.

Beda schildert diese Legende aus nordhumbrischer Sicht. Gregor soll auf dem Sklavenmarkt in Rom junge Angeln aus Deira sehen und - inspiriert von den lateinischen Bedeutungen für Angeln und De ira - ausrufen: „Sie sehen aus wie Engel und es ist der Zorn Gottes, dass sie noch keine Christen sind“. Daraufhin soll er beschließen, Missionare in ihre Heimat zu schicken. Von einer Bewirtung und Unterrichtung der Sklaven in der christlichen Lehre, die einen Freikauf vorausgesetzt hätte, geschweige denn einer Vorbereitung auf den Missionsdienst und der Rückreise nach England ist bei Beda keine Rede.

Æthelweard berichtet, dass Ceolwulf seine Herrschaft in Wessex ein Jahr nach der Entsendung von Augustinus nach Kent beginnt und nicht nur Krieg mit den germanischen Stämmen, sondern auch mit Britanniern, Picten und Scoten führt. Nach einer Periode von vier Jahren (601) von Ceolwulfs Regierung, sendet Papst Gregor das Pallium des Erzbischofs an Augustinus. Nach drei Jahren (604) erhalten die Ostsachen mit ihrem König Saeberht die Taufe. Nach dem Verlauf von zwei Jahren (606) stirbt der gesegnete Papst Gregor. Es ist „das 10. Jahr, nachdem er die Taufe den Engländern durch den Diener des Herrn Augustinus geschickt hat und die Zahl der Jahre ist mit 5800 vollständig seit dem Beginn der Welt“.

Beda bestätigt die Taufe der Kenter mit ihrem König Æthelberht, dem dritten Bretwalda, an Weihnachten 597 sowie der Ostangeln unter König Saeberht, einem Neffen König Æthelberhts, einige Jahre später und fährt dann fort, dass in 627 die Nordhumbrier das Christentum annehmen und König Edwin, der Schwiegersohn König Æthelberhts, für den Missionar Paulinus den ersten Bischofssitz in York einrichtet. Nach Edwins Tod in 633 fallen die Nordhumbrier ins Heidentum zurück. Dank der Unterstützung durch König Oswiu und die irischen Missionare geht die Christianisierung weiter. 657 entsteht das Kloster Streaneshealh, in dem 644 die Synode von Whitby stattfindet.

Æthelweard schreibt, dass ein Jahr nach dem Tod Gregors (607) Cynegisl auf den Thron von Wessex gelangt und sieben Jahre später zusammen mit Cwichelm erfolgreich bei Beandun gegen die Britannier kämpft, von denen die beiden mehr als 2400 erschlagen. Vierzehn Jahre später kämpfen Cynegisl und Cwichelm in der Nähe von Cirencester gegen Penda. Das Ergebnis dieser Schlacht teilt der Chronist nicht mit, was darauf schließen lässt, dass Penda den Sieg davonträgt, wie auch einige Jahre später in der bei Beda genannten Schlacht bei Maserfield, in der König Oswald fällt.

Bei Beda wird der kampfwütige Ceolwulf nicht erwähnt und auch die blutrünstigen Kämpfe der westsächsischen Könige Cwichelm und Cynegisl gegen die Britannier lässt Beda aus. Er erwähnt Cwichelm nur als einen Attentäter, der mit einem vergifteten, zweischneidigen Kurzschwert den nordhumbrischen König Edwin am ersten Ostertag des Jahres 626, ein Jahr vor Edwins Taufe, am Fluss Derwent, an dem damals die Königshalle steht, ermorden will. Bei dem Attentat werden zwei Gefolgsleute erstochen und König Edwin verwundet.

Die unterschiedlichen Darstellungen bei Beda und Æthelweard kommen dadurch zustande, dass der erste aus nordhumbrischer und der zweite aus westsächsischer Sicht schreibt, beide unabhängig voneinander. Keiner erwähnt die Chronik des anderen oder bezeichnet sie als seine Quelle.

Über den Missionar und Bischof Birinus, der die Christianisierung in Wessex einleitet, schreibt Beda, dass dieser „auf den Rat von Papst Honorius nach Britannien gekommen war und in dessen Gegenwart versprochen hatte, jenseits der innersten Gebiete der Engländer, wohin kein Lehrer vorher gegangen war, die Saat des heiligen Glaubens auszustreuen“. Birinus trifft zuerst auf das Volk der Gewisse, stellt fest, dass alle noch große Heiden sind, verkündet erfolgreich das Evangelium, tauft um 635 König Cynegisl und sein Volk, erhält von Cynegisl und dem sechsten englischen Oberkönig Oswald die Stadt Dorchester zur Einrichtung eines Bischofssitzes, baut und weiht dort Kirchen, ruft durch sein frommes Wirken viele Menschen zu Gott, wird in 650 nach seinem Tod dort begraben und später, als Haedde (676-705) Bischof ist, in die Stadt Winchester überführt und in der Kirche der seligen Apostel Peter und Paul beigesetzt (III/7, S. 224). 

Æthelweard schreibt, dass am Ende von sechs Jahren nach der Schlacht bei Cirencester der von Bischof Asterius von Genua für das Bischofsamt geweihte und von Papst Honorius nach England entsandte Birinus zu den Westsachsen kommt, ihnen das Evangelium verkündet und Cynegisl um diese Zeit die Taufe von dem heiligen Bischof empfängt. Er nennt keine konkreten Jahreszahlen, kommt aber mit seiner Datierung ebenfalls auf das Jahr 635 für die Ankunft des nicht zur Mannschaft des Augustinus gehörenden Bischofs Birinus in Wessex, bestätigt aber nicht die Anwesenheit König Oswalds als Taufpate und nennt auch nicht Cynegisls Todesjahr.  

Während in der Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum inklusive der Continuatio Bedae die alte Inkarnationszeit bis 766 weiter läuft und danach, mit dem Zeitsprung über die drei leeren Jahrhunderte hinweg, die Korrektur der Zeit in das Jahr 1066 erfolgt, gehen die sächsischen Königreiche im Süden Englands andere Wege.

Der Einschub von 297 leeren Jahre in die Zeitgeschichte mit dem Übergang aus der alten Inkarnationszeit in die Nachphantomzeit erfolgt in Wessex ab der zweiten Hälfte des 7. Jhs. und kommt in den retroperspektivisch erstellten Chroniken ab dem 11. Jh. zum Tragen. Die früheste Nachricht über das in das 10. Jh. versetzte 7. Jh. liegt bekanntlich 1004 in Frankreich mit der Biografie über Dunstan vor.

Æthelweards Füllung der Phantomzeit

Æthelweard beginnt seine Geschichtsfälschung mit König Cenwealh von Wessex, den er um das Jahr 648 in Erscheinung treten lässt, als er einem vier Jahre nach Cynegisl von Birinus getauften, sonst nicht genannten Verwandten namens Cuthred neun Jahre nach dessen Taufe Ackerland im Hochland von Ashdown schenkt. Vier Jahre später führt Cenwealh einen Bürgerkrieg in Bradford am Avon. 655 stirbt Penda und die Mercier werden getauft. Drei Jahre nach Pendas Tod erneuert Cenwealh mit einem sonst unbekannten Pionna den Krieg gegen die Britannier, die er bis nach Parret verfolgt; abermals drei Jahre später führt er Wulfhere, den Sohn Pendas, nachdem er dessen Heer in der Nähe von Posentesburh besiegt hat, als Gefangenen nach Ashdown.

Æthelweard berichtet über eine Sonnenfinsternis sechs Jahre später (664) und eine große Vogelsterblichkeit sieben Jahre später (671), bei der sich von dem Aas der vielen gefallenen kleineren und größeren Vögel auf See und Land ein grässlicher Gestank bemerkbar macht. Für 672 teilt er den Tod des westsächsischen Königs Cenwealhs mit, zwölf Monate regiert dessen Frau Seaxburh, zwei Jahre nach Cenwealhs Tod wird Aelscwine, ein Nachkomme Cerdics, König in Wessex und ein Jahr später, in 675, lässt Æthelweard irrigerweise Cenwealh noch einmal aufleben (vermutlich ein Schreibfehler für Aelscwine oder Centwine) und einen Krieg mit Pendas Sohn Wulfhere in Bedanheafod führen.

Beda setzt den Tod Cenwealhs in das Jahr 674 und führt aus, dass es sich bei den Regenten in Wessex in den folgenden zehn Jahren um Unterkönige handelt, deren Namen er nicht mitteilt.

Nach Æthelweard erscheint drei Jahre später ein Komet und zwei Jahre später hält der heilige Erzbischof Theodor eine Synode in Hatfield. Centwine verfolgt zwei Jahre später die Britannier von ihren Grenzen bis an die See. Nach zwei Jahren seiner Regierung wird Ine in der Regierung von Wessex aktiv. 188 Jahre sind verstrichen seit dessen sechster Vorfahre Cerdic den Britanniern in Wessex das Land entrissen hat. Im Lauf des gleichen Jahres fährt Caedwalla nach Rom, empfängt die Taufe und den Glauben Christi sowie nach der Taufe den Namen Peter von dem in jenem Jahr amtierenden Papst.

Wie im Prolog zum ersten Buch angesagt, erzählt Æthelweard in zwangloser Folge von den Kriegen der westsächsischen Könige, die - wie er immer wieder betont - ihre Abkunft auf den germanischen Stammesführer Cerdic (um 500) oder sogar auf Wodan zurückführen. Mit diesem Trick kann er das Nacheinander der Könige bestimmen, ohne auf die Erbfolgeberechtigung eingehen zu müssen. Seine Berichte werden deutlich verwirrend und zunehmend unpräzise. Mit der monotonen Aufzählung und dem holprigen Latein gleicht die Chronik  eher einem Entwurf als einem fertigen Werk.

Æthelweard berichtet auch über Ereignisse in Nordhumbrien, Mercien oder Kent, zum Beispiel, dass sich am Ende von sechs Jahre die Kenter an die Schuld jener Männer erinnern, die sich gegen König Ine gestellt haben, als sie seinen Verwandten verbrannten und ihm 30 000 Schilling zahlen. Zehn Jahre später nimmt König Æthelred von Mercien, ein Sohn Pendas, nach 29 Jahren Regierungszeit das Mönchsgewand. Nach 12 Monaten stirbt König Ealdferth von Nordhumbrien und 5900 Jahre sind seit dem Beginn der Welt vorbei.

Auch Beda schreibt, dass König Æthelred, nachdem er 31 Jahre an der Spitze des Stammes der Mercier gestanden hat, 704 Mönch wird und 716 im Kloster zu Bardney stirbt. Damit stehen 31 Jahre bei Beda 29 Jahren bei Æthelweard gegenüber.

Besagter Æthelred von Mercien, der nach 29 oder 31 Jahren als regierender Monarch die Mönchskutte nimmt ist ein überzeugendes Beispiel für die doppelte Geschichtsschreibung! Er ist der gleiche König Æthelred von Mercien, für den der nordhumbrische oder ostanglische Ealdorman Byrhtnoth in 991 (drei Jahrhunderte später!) in der Schlacht von Maldon sein Leben lässt, also ein Doppelgänger, der in den rückwirkend ab dem 11. Jh. erstellten Chroniken als der englische König Ethelred II. beschrieben wird, der um 976 aus dem Dunkel der Geschichte auftaucht und im Jahr 1016 in London stirbt (Zeitensprünge 3/2007, S. 702-704 und 1/2008, S. 166).

Ein Beleg für die Phantomzeit ergibt sich auch aus dem nächsten Eintrag von Æthelweard. Er schreibt: „Vier Jahre nach Ealdferths Tod stirbt der gesegnete Bischof Aldhelm. Die Menschen lesen seine Werke, die er mit wunderbarer Geschicklichkeit geschrieben hat. Sein Bischofssitz war die Provinz, die in der Umgangssprache Selwood genannt wird“. Aldhelms Werke werden aber erst im 11. und 12. Jh. bekannt und gelesen und nicht schon ab dem Jahr 709.

Æthelweard schreibt weiter, dass ein Jahr später die Könige Ine und Nunna gegen König Geraint kämpfen und der Ealdormen Beorhfrith gegen die Picten. Nach vier Jahren stirbt Guthlac, der Diener des Herrn. Ein Jahr später kämpfen Ine und Ceolred gegen irgendwen an einem Ort, der „Adams Grab“ genannt wird, wo schon einmal eine Schlacht stattgefunden hat. Und so, nach sieben Jahren, tötet Ine Cynewulf und nach sechs Monaten beginnt er einen Krieg gegen die Südsachsen. Nach sechs Jahren geht er nach Rom und Æthelheard beginnt, die Westsachsen zu regieren. Im ersten Jahr seiner Regierung führt er Feindseligkeiten gegen einen Prinzen Oswald. Nachdem ein Jahr im Kurs verronnen ist, erscheint ein Komet und der heilige Bischof Ecgbyrht stirbt. Nach einer Periode von zwei Jahren, wird König Osric von Nordhumbrien getötet, Ceolwulf gelangt zur Königswürde und ist erfolgreich. Nach einer Periode von zwei Jahren übernimmt König Æthelbald die Macht in der königlichen Stadt Somerton. Im selben Jahr verfinstern sich die Strahlen der Sonne. Ein Jahr später zeigt sich der Mond, als wäre er mit Blutstropfen befleckt, und unter dem gleichen Omen gehen Tatwine und Beda dahin.

Æthelweard setzt Bedas Tod in das Jahr 734, ein Jahr vor dem konventionellen Datum, dem 25. Mai 735, aber in das gleiche Jahr, in dem die Annalen der von William von Malmesbury benutzten Kopie der Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum enden und die Lücke von 223 Jahren, die Eadmer in seiner Chronik nach Beda auslässt, beginnt.

Nach weiteren Einträgen über den Regierungsantritt König Eadbyrhts von Nordhumbrien in 738, die Kriege von König Cuthred von 750 bis 753 und dessen Tod in 754 wird Sigebyrht für ein Jahr König der Westsachsen. Sein Nachfolger ist Cynewulf, über den Æthelweard, entgegen seiner üblichen Kürze, ein regelrechtes Drama schreibt.

Cynewulf fällt ein Jahr nach dem Regierungsantritt von Sigebyrht in Wessex ein und nimmt ihm das Land ab. Nur in der Provinz Hampshire kann sich Sigebyrht noch kurze Zeit aufhalten. Wegen eines alten Streits tötet er dort einen Ealdorman. Cynewulf treibt ihn daraufhin mit Waffengewalt in die unwegsamen Gebiete des Waldes, der Andred genannt wird, wo er ziellos von einem Dickicht zum anderen wandert und am Fluss Privett von einem Schweinehirt getötet wird, der damit das Blut von Ealdorman Cumbra rächt.

Nach dieser legendenhaften Einführung erfindet Æthelweard mehrere große Kriege Cynewulfs gegen die Britannier. Nach siebzehn Jahren erscheint nach Sonnenuntergang das Kreuzzeichen des Herrn am Himmel (wie bei Konstantin) und im gleichen Jahr findet ein Bürgerkrieg zwischen den Leuten von Kent und Mercien in Otford statt. In jenen Tagen werden große Schlangen bei den Südsachsen in Sussex gesehen. Annähernd vier Jahre später kämpft Cynewulf gegen Offa von Mercien bei Bensen und die Stadt fällt in die Hände Offas.

Zwei Jahre später kämpfen die Sachsen mit den Galliern und vier Jahre später, als 31 Jahre vom Beginn seiner Regierung vergangen sind, will Cynewulf einen bestimmten Prinzen namens Cyneheard, einen Bruder Sigebyrhts, aus dem Gebiet vertreiben, wird dann aber von dem Prinzen belagert und nach einer langatmig erzählten, wortreichen und konfusen Geschichte werden die Kontrahenten, deren beider Familien auf Cerdic zurückgehen, mitsamt ihren Mannen im Kampf getötet und in Winchester respektive Axminster begraben.

Nach der Continuatio Bedae, die kein Chronist in England kennt oder kennen will, wird Cynewulf bereits in 757, dem gleichen Jahr, in dem er den Thron besteigt, ermordet (Continuatio Bedae, S. 550). Æthelweard legt den Beginn von Cynewulfs Regierungszeit in das Jahr 755, zwei Jahre früher als die Continuatio Bedae, verlängert sie aber virtuell um 31 Jahre bis 786 und schafft so den Sprung in die fiktive Zeit über das Jahr 766 (ZS, 2008/1, S. 170).

Nach Cynewulf wird der erfundene Byrhtric König in Wessex und heiratet zwei Jahre später die Tochter des ebenfalls erfundenen Königs Offa, dem Æthelweard eine Abkunft über elf Generationen bis auf Wodan andichtet. Mit der virtuellen Verknüpfung der Königsfamilien von Wessex und Mercien endet das zweite Buch.

Im Prolog zum dritten Buch überrascht Æthelweard mit der Aussage, es sei nun seine Aufgabe, die Seiten der vorhergehenden Schreiber selektiv zu nutzen, um den Inhalt des dritten Buches zu präsentieren. Damit will er seine Geschichtserfindung vertuschen und dem Leser vorgaukeln, ihm stünde eine Quelle für seine Chronik zur Verfügung, was natürlich nicht der Fall ist. Er drückt die Hoffnung aus, dass Mathilde, die er als Liebling seiner Sehnsucht bezeichnet, die Lektüre des kleinen Werks nicht als ermüdend empfindet, und betont, dass er es vor allem ihr widmet und fügt hinzu, je mehr seine Gedanken in die Ferne schweifen, umso näher ist der Geist seiner Liebe bei ihr.

Er berichtet weiter, dass mehr als 334 Jahre nach der Ankunft von Hengest und Horsa in Britannien die ersten Dänen mit drei schnellen Schiffen in England ankommen und Beaduheard und seine Leute erschlagen, die sie am Ufer empfangen wollen in der Annahme, es handele sich um Kaufleute und nicht um Marodeure.

In 796 sterben König Offa von Mercien und sein Nachfolger Ecgferth. Als Byrhtric stirbt, sind 6000 minus 5 Jahre seit dem Beginn der Welt, 800 seit der Fleischwerdung des Herrn und 350 seit der Ankunft von Hengist und Horsa vergangen und Ecgbyrht, der zehnte Nachfahre Cerdics und Vater Æthelwulfs, wird König von Wessex. Das dritte Buch endet mit einem legendären Stammbaum Ecgbyrhts mit insgesamt neunzehn Generationen über Cerdic zurück bis zu Sceaf. Der Chronist sagt nichts über Ecgbyrhts Aufenthalt am fränkischen Kaiserhof, der in der Angelsächsischen Chronik und in der Vita Alfredi erfunden wird (ZS 1/2008, S. 168 ff.).

Mit dem Vater von Æthelwulf ist Æthelweard bei der fiktiven Genealogie angelangt, die er zu Beginn seiner Chronik (S. 2) mit den Worten ankündigt:

 „Ælfred war der Sohn von Æthelwulf, von dem wir abstammen. Fünf Söhne folgten ihm, von denen wir die Nachkommen sind, ich von König Æthelred und du von König Ælfred, beide waren Söhne von König Æthelwulf, der schon erwähnt wurde“.

Nach William von Malmesbury ist Æthelweard der erste Chronist, der die 233 Jahre nach Beda füllt, die Eadmer auslässt und kann somit als der Erfinder der westsächsischen Königsgenealogie gelten. Er ist nicht der Initiator der Phantomzeit, aber er will und muss die vom Festland vorgegebene Lücke in der Chronologie mit einer erfundenen Geschichtsschreibung ausfüllen, um einen Bruch in der von ihm verwendeten alten Inkarnationszeit (seit der Fleischwerdung des Herrn) zu vermeiden. Er macht das so gut, dass William von Malmesbury im 12. Jh. und alle Historiker nach der Auffindung und dem Druck des Manuskripts im späten 16. Jh. bis heute seine Geschichtsfälschung für bare Münze nehmen.

Bis zum Ende des 9. Jhs. enthält Æthelweards lateinische Chronik die gleichen Informationen wie die muttersprachliche Angelsächsische Chronik, die in den Ausgaben der Zeitensprünge 2008 ausführlich behandelt wird, so dass zu Ælfreds erfundenem Sohn Eduard übergegangen werden kann, der um das Jahr 900, genau 100 Jahre nach seinem Urgroßvater Ecgbyrht, wie Æthelweard betont, die Regentschaft in Wessex übernimmt und am 17. Juli  924 stirbt.

Nach Eduards Tod wird sein fiktiver Sohn aus der ersten Ehe mit Egwina zunächst ohne eine Begründung übergangen und der ebenfalls fiktive 20-jährige Sohn Æthelweard aus der zweiten Ehe mit Elfleda wird König. Für diesen Namensvetter hat sich der Chronist eine bizarre Vita ausgedacht. Er soll als Eremit in Bridgnorth leben und vom Witenagemot (dem Rat der Weisen) zum König gewählt werden, dann aber nach einer Herrschaft von nur 16 Tagen in Oxford auf Befehl seines Halbbruders Æthelstan, der den Thron für sich anstrebt, ermordet und in Winchester begraben werden.

Der unwiderlegbare Beweis für Æthelweards Geschichtsfälschung ist Prinzessin Eadgyth, die erste Gemahlin Ottos des Großen, die der Chronist als eine Tochter Eduards von Wessex ausgibt. Nach der glaubhaften Schilderung bei Roswitha von Gandersheim und der daraus resultierenden, bis heute gültigen Tradition stammt Eadgyth aber aus der realen Familie des in der ersten Hälfte des 7. Jhs. lebenden heiligen Oswalds von Nordhumbrien. Die erfundene Verwandschaft und der angebliche Briefwechsel mit Mathilde sowie die zwecks Heirat auf den Kontinent zurück gekehrten anderen Prinzessinnen, sind fiktiv.

Unter Berücksichtigung aller Umstände ist das 11. Jh. oder das erste Viertel des 12. Jhs. für die Entstehung von Æthelweards Chroniken zu favorisieren, die er nur zu dem Zweck erstellt, die leere Phantomzeit mit Personen und Ereignissen zu füllen.

Obwohl auch er aus der Rückschau schreibt, datiert er ganz bewusst - im Gegensatz zu den anderen Chronisten jener Zeit - auch nach der Christianisierung in Wessex und dem Tod des ersten westsächsisch-christlichen Königs Cynegisl weiter nach der alten Inkarnationszeit und erfindet für die eingeschobenen 297 Jahre der Phantomzeit eine zeit- und raumfüllende, virtuelle Geschichtsschreibung, in der alle für die Zeit nach 766 genannten  Könige, Kriege, Verbindungen zum Festland oder zu den anderen englischen Königreichen völlig frei erfunden sind.

König Edmund von Wessex (939-946)

In der retroperspektivisch erstellten Biografie über Dunstan, die 16 Jahre nach seinem Tod in Frankreich vorliegt, werden sowohl Dunstan als auch König Edmund von Wessex das erste Mal schriftlich erwähnt. In der Biografie wird Dunstan erstens als ein Schüler irischer Mönche, zweitens als der erste Abt der englischen Nation und drittens als der Gründer des Klosters von Malmesbury bezeichnet. Diese biografischen Daten können nur auf das 7. Jh. zutreffen und sind deshalb ein eindeutiger Beweis, dass bei Erstellung der Biografie zu Beginn des 11. Jhs. die vom Kontinent initiierte Phantomzeit in Wessex bereits eingeschoben und das 10. an das 7. Jh. nahtlos angeschlossen ist, weil - wie Beda mitteilt - alle irischen Mönche nach der Synode von Whitby in 664 bis spätestens 715 England verlassen, nachdem alle Klöster und Abteien mit angelsächsischen Äbten besetzt sind und schon 674 Aldhelm Abt in dem von Dunstan gegründeten Kloster zu Malmesbury wird.

Der Übergang aus der alten Inkarnationszeit in die Nachphantomzeit im 7. Jh. wird nirgends erwähnt, weil das auf die Zeitumstellung hinweisende Schrifttum des 10. Jhs. einschließlich der Zeichnungen Dunstans der zielgerichteten Vernichtungs- und Fälschungsaktion in Wessex zum Opfer fällt. Der Geschichtsablauf des 10. Jhs. wird erst in den Chroniken des 11. und 12. Jhs. retroperspektivisch dokumentiert.

Durch den Einschub der 297 leeren Jahre in Wessex springt nicht nur Dunstan aus dem 7. Jh. der alten Inkarnationszeit in das 10. Jh. der Nachphantomzeit, sondern auch sein Förderer König Edmund rückt in den Dunstkreis des Wirksamwerdens der Phantomzeit. 

Æthelweard muss König Edmund, der in der Biografie über Dunstan in das 10. Jh. gesetzt wird, in der Nachphantomzeit belassen. Also macht er aus ihm kurzerhand fälschlich einen Sohn des Phantomzeitkönigs Eduard, einen Enkel Ælfreds und einen Bruder von Eadgyth, der ersten Gemahlin Ottos des Grossen.

Tatsächlich ist König Edmund der unmittelbare Nachfolger, vielleicht sogar der Sohn, des Königs Cynegisl. Genau 297 Jahre nach dem Tod seines Vorgängers in 642 wird Edmund am 29. 11. 939 als König von Wessex inthronisiert. Die beiden Könige trennt nur die leere Phantomzeit. Ihre Daten und Taten schließen aneinander an. Wie Cynegisl fördert Edmund das junge Christentum in Wessex. Edmund setzt den mit dem Königshaus verwandten Dunstan um 943 als Abt in Glastonbury ein und versucht, die Gebiete von Nordhumbrien und Mercien, die nach dem Tod Oswalds in der Schlacht bei Maserfield an den heidnischen König Penda fallen, zurück zu erobern, um die christliche Lehre in England zu verbreiten. Er kämpft gegen die Könige von Strathclyde, Schottland und Dublin und wird nach nur sechseinhalb Jahren Regierungszeit am 26. Mai 946 von den Dänen ermordet (ZS 2/2008).

Im 11. Jh. oder ersten Viertel des 12. Jhs. verfasst Æthelweard seine Chronik einzig und allein zu dem Zweck, rückwirkend das Loch in der Phantomzeit von insgesamt 297 Jahren zu schließen. Er datiert weiter in die Phantomzeit hinein, obwohl die Ereignisse bis 766, sofern sie nicht erfunden sind, in die Zeit vor 1066 gehören und zu der doppelten Geschichtsschreibung führen, wie das auch bei Beda der Fall ist.

Auf Edmund folgt für neuneinhalb Jahre sein Bruder Eadred (946-955), der ebenfalls als Sohn des Phantomzeitkönigs Eduard deklariert wird und dem sich die Nordhumbrier unterwerfen und die Schotten unverbrüchliche Eide und Treue schwören und für vier Jahre Eadwig (955-959). Danach folgt Edmunds Sohn Edgar, der keine Wurzeln mehr in der Phantomzeit hat. Er wird in 939 geboren und als 18-Jähriger am 9. Mai 957 zum König von Nordhumbrien und Mercien ernannt. Nach dem Tod Eadwigs am 1. Oktober 959 erhält er auch noch Wessex und regiert so die wichtigsten Königreiche Englands bis zu seinem Tod am 12. Juli 975. Mit König Edgar beginnt der Historiker Eadmer von Canterbury die Historia Novorum in Anglia,  seine „Neue Geschichte in England“.

Edgar trägt den Beinamen „der Friedfertige“. Seine Regierungszeit stellt die Ruhe vor dem Sturm der Wikingereinfälle dar, die in den letzten Jahrzehnten des 10. Jhs. der Nachphantomzeit in den sächsischen Königreichen im Süden Englands, unter anderem mit der Schlacht von Maldon in 991 einsetzen. Parallel dazu berichtet Beda in seiner Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum von Querelen in Nordhumbrien Ende des 7. Jhs. alter Inkarnationszeit, die vielen Angelsachsen das Leben und die Freiheit kosten (ZS 3/2007, S. 687 ff. und 1/2008, S. 163 ff.).

Mit der Gründung des Klosters Streaneshealh in 657 ist auch in Nordhumbrien die Christianisierung abgeschlossen, aber Beda datiert weiter in die Phantomzeit hinein, ohne den Einschub der 297  leeren Jahre zu beachten. Die Kopie von Bedas Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum, die William von Malmesbury im 12. Jh. benutzt, enthält Annalen bis 734. Die 77 Jahre zwischen 657 bis 734, addiert zu den 233 Jahren, die Eadmer von Canterbury in seiner Chronik nach Beda auslässt und in denen - wie William von Malmesbury mitteilt - „die Geschichte daher hinkt, ohne Unterstützung durch die Literatur“, ergeben die drei Jahrhunderte Phantomzeit, die bei der normannischen Eroberung in 766 mit dem Sprung auf 1066 eingeschoben werden.

Literaturverzeichnis

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Beda Venerabilis (731), Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum, verschiedene Ausgaben, s. Spitzbart.

Bosanquet, Geoffrey (1964: Übers.), Eadmer’s History of Recent Events in England, with a Foreword by R. W. Southern,  Historia Novorum in Anglia, London

Campbell, Alistair (1962: Hrsg. und Übers.) Chronicon Æthelweard, The Chronicle of Æthelweard, London 

Eadmer, Historia Novorum in Anglia, „Neue Geschichte in England“, s. Geoffrey Bosanquet (1964: Übers.), Eadmer’s History of Recent Events in England, with a Foreword by R. W. Southern, London

Eadmer, Das Leben des heiligen Anselm, beschrieben von seinem Schüler und unzertrennlichen Begleiter dem Mönch Eadmer,  Übersetzung von Günther Müller  1923,  (2. Aufl. 1963), München

Gaimar, Geffrei 12. Jh.: L’Estoire des Engleis, s. Bell (Oxford 1960)

1996: Illig, Heribert, Das Erfundene Mittelalter, Düsseldorf

(1999) Wer hat an der Uhr gedreht? Düsseldorf

(2006) Konzertierte Fälschungen. Glastonbury, Wells und Saint-Denis, in ZS 18 (3) 692-712

Laszlo, Renate (2006): Zeitensprünge Jahrgang 2006, 2007 und 2008

- 2006: Rätselhafte Zeitsprünge in England, in ZS, 18 (3), S. 260

- (2007): Der verdoppelte Autor der Historia Brittonum. Die Identität zwischen Ambrosius Aurelianus und Arthur, in ZS 19 (1) 94-105. 

- (2007): In England gehen die Uhren anders 1, in ZS 19 (3) 687-716

- (2008): In England gehen die Uhren anders 2, in ZS 20 (1) 163-192

Müller, Günther (Übersetzer, 1923): Eadmer, das Leben des heiligen Anselm, Erzbischof von Canterbury, München

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Renate Laszlo